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Selbsthilfeforum für Angehörige SVV-betroffener Menschen
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 Betreff des Beitrags: Wenn es schon lange vorbei ist
BeitragVerfasst: Mi 29. Mär 2017, 13:07 
Als Gast schreibe ich hier bewusst vor allem deshalb, weil SVV bei mir schon recht lange kein Thema mehr ist, das letzte Mal ist so um die 10 Jahre her (genau weiß ich das nicht mal mehr). Seitdem habe ich mich grundlegend geändert, habe zwar an manchen Stellen noch deutliche Probleme, komme aber insgesamt viel besser damit zurecht bzw. kommen die Probleme inzwischen halt bei ganz anderen Herausforderungen. Das Bedürfnis, sie an mir selbst auszulassen, habe ich gar nicht mehr, es kommt nicht mal die Versuchung. Dafür war es aber früher ziemlich schlimm und deshalb sind die Arme von oben bis unten voll. Früher bin ich noch offen damit umgegangen und habe im Sommer kurze Ärmel angezogen, aber je weiter ich davon weg bin, desto weniger konnte ich dazu stehen oder damit leben, dass man irgendwie sofort in eine bestimmte Schublade gesteckt wird. Ich habe so sehr um Gesundheit und Normalität gekämpft, bin verheiratet, stehe im Leben und will Kinder und ich will nicht, dass mir das kaputt gemacht wird nur weil die Leute meine Arme sehen und denken dass ich psychisch krank bin - vor allem weil das, was mich dazu getrieben hat schon lange vorbei ist.

Der Umgang damit fällt mir trotzdem schwer. Bei der Arbeit (und vorher beim Studium) trage ich immer lange Ärmel, egal wie heiß es ist. Ich arbeite vor allem mit Kindern und Jugendlichen und bin gut in dem was ich tue. Die Narben zeigen ist aber für mich einfach keine Option. Teilweise sind sie so weit vorne dass ich nicht alles verstecken kann, zwei Mal wurde auch gefragt aber da habe ich es auf einen Nebenjob geschoben, bei dem ich mir die Haut an den Händen ziemlich kaputt gemacht habe (war nicht mal gelogen, die waren teilweise so trocken und haben so gejuckt, dass ich irgendwann nachts Handschuhe tragen musste um sie im Schlaf auch in Ruhe zu lassen). Oft ist mir sowieso zu kalt, ich friere generell schnell und will im Winter immer die Fenster zu haben. Vielleicht fragt deswegen keiner wegen der langen Ärmel. Bei Kollegen frage ich mich manchmal, ob die es ahnen oder sogar wissen, aber solange keiner was sagt, sage ich auch nichts. Kurze Ärmel erlaube ich mir nur wenn ich privat unterwegs bin oder mich im Sommer mal in den Park setze. Aber da habe ich auch oft Sorge, dass ich mal Kollegen oder den Kindern und Jugendlichen von der Arbeit begegne und dass es dann raus ist. Sogar beim Sport trage ich lange Ärmel, die Frauen sehen es halt beim Umziehen trotzdem, hab deswegen manchmal ernsthaft überlegt mich nicht mal umzuziehen, sondern einfach in Sportsachen zu kommen und zu gehen. Mein Mann macht auch da Sport und ich fürchte, dass das auch auf ihn zurückfällt und jemand denkt was besseres als mich konnte er nicht finden oder dass er mich nur aus Mitleid geheiratet hat (ihm ist egal was andere denken).

Dazu stehen fällt mir wahrscheinlich gerade deswegen so schwer, weil es echt lange her ist. Das fühlt sich oft an als wäre das eine ganz andere Person gewesen die das gemacht hat, ich denke oft das kann nicht ich gewesen sein. Und ich will nicht, dass mich noch jemand für diese Person hält. Aber es gibt auch viele Fragen, von denen ich hoffe, dass die auch Nichtbetroffene aus ihrer Sicht beantworten können.
Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich mal Kinder habe? Kann man nur wegen der alten Narben beschließen, dass ich ein Kind nicht aufziehen kann? Spätestens bei der Geburt kann man sowas ja nicht mehr verstecken. Ich hab immerhin einen gesunden Mann, aber etwas Gedanken mache ich mir schon. Oder wenn ich mal Kinder habe und mit denen schwimmen gehe, dann sind die den Blicken und Bemerkungen ja gleich mit ausgesetzt.
Was mache ich wenn ich doch mal privat jemandem von der Arbeit begegne? Darf man überhaupt verlangen, dass man deshalb trotzdem ordentlich behandelt und nicht gleich abgestempelt wird? Ich habe es damals ja selber gemacht und einerseits wünsche ich mir schon, dass ich deswegen nicht sclechter behandelt werde als andere oder denke dass Fremde nicht das Recht haben mich einfach anzufassen oder fiese Bemerkungen zu machen, andererseits weiß ich dann manchmal nicht was ich überhaupt erwarten darf wenn ich selber dran schuld bin.
Ist Nichtbetroffenen klar, dass auch Leute, die lange von SVV betroffen waren gesund werden können? Dass nicht alle von ihnen Borderliner sind (bin ich nicht) oder dass das nicht heißt dass man ihnen nicht das normale Leben zutrauen kann, dass andere auch führen?

Bisher habe ich mich durch die langen Ärmel sicher auch vor vielen Reaktionen gedrückt. Aber ich habe halt auch Angst, wenn ich offen damit umgehe vielleicht was loszutreten das ich nicht mehr stoppen kann. Dann gelte ich vielleicht wirklich nicht mehr als gesund und davor habe ich Angst. Früher wussten alle, dass ich es nicht war und ich habe echt viel dafür getan um gesund zu werden und auch so zu wirken und es hat anscheinend auch ganz gut funktioniert. Das will ich nicht zerstören.
Über Erfahrungen und Austausch mit anderen ehemaligen Betroffenen bzw. auch schon "Älteren" (ich bin über 30) würde ich mich deshalb auch freuen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Wenn es schon lange vorbei ist
BeitragVerfasst: Do 30. Mär 2017, 16:24 
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Hallo Paulina,

selbst wenn du jetzt dich als "Gast" fühlst, weil du SvV weit hinter dir gelassen hast, wäre es vielleicht für einen intensiven Austausch hilfreich, du würdest dich anmelden, da es manche User bei uns gibt, die ungern über solche persönlichen Dinge lang und breit im öffentlichen Teil schreiben. Ohnehin sind wir eher ein kleines Forum ...

Es ist bestimmt für einige sehr mutmachend, von dir zu hören, dass es möglich ist, SvV ganz hinter sich zu lassen - toll, dass du das geschafft hast! :freude:

PaulinaDK hat geschrieben:
Dazu stehen fällt mir wahrscheinlich gerade deswegen so schwer, weil es echt lange her ist. Das fühlt sich oft an als wäre das eine ganz andere Person gewesen die das gemacht hat, ich denke oft das kann nicht ich gewesen sein. Und ich will nicht, dass mich noch jemand für diese Person hält. Aber es gibt auch viele Fragen, von denen ich hoffe, dass die auch Nichtbetroffene aus ihrer Sicht beantworten können.


Ich kann verstehen, dass es sich für dich so anfühlt, als wär das damals gar nicht richtig "du" gewesen. Du hast dich verändert, entwickelt ... und trotzdem gehört auch deine Geschichte und dein SvV zu dir. Ohne wärst du heute nicht die, die du jetzt bist. Es war deine damalige Möglichkeit, mit Dingen umzugehen, die dich belasten - inzwischen hast du andere Möglichkeiten entdeckt, und ganz sicher wärst du eine andere, wenn du nicht durch diese Zeiten gegangen wärst.
Eigentlich könntest du die Narben mit Stolz auf die Paulina, die sich nicht hat unterkriegen lassen, die verletzlich ist und trotzdem fest im Leben steht, tragen. Vermutlich würden einige Leute dich (erst mal) in eine Schublade stecken. Aber wenn sie dich als die erleben, die du bist, können sie dich eigentlich nicht in dieser Schublade lassen (und falls sie es doch tun, sind sie es nicht wert, dass du dir Gedanken um ihre Meinung machen müsstest).
Es würde sogar hilfreich sein, dass nicht betroffene Menschen erleben, dass es nicht auf der einen Seite "die Gesunden" und auf der anderen Seite "die psychisch Kranken" gibt, sondern dass es jeden Menschen auch seelisch einmal umhauen kann, ohne dass das schon eine Voraussage für das weitere Leben ist. Und es könnte ein Hoffnungszeichen sein für die, die noch mittendrin stecken, sowie für deren Angehörige, die oft Angst haben, dass es "nie" aufhören wird ...
Wenn du das Bild, das andere jetzt von dir haben, nicht zerstören willst - ist es denn die wahre, ganze Paulina, oder ist es am Ende nur ein Bild, das du für die Außenwelt erschaffen hast? Natürlich brauchen und schaffen und benutzen wir alle solche Fassaden (und in bestimmten Situationen sind sie hilfreich oder vielleicht auch nötig), aber ich z.B. fühle mich am wohlsten dort, wo ich keine Maske tragen muss und ganz ich selbst sein kann - und wo ich keine Angst haben muss, dass jemand etwas von mir herausfindet, was ich ihm nicht zeigen will.

... wie gesagt, ich würd mich freuen, wenn du dich anmelden würdest, vielleicht ergibt sich dann der Austausch, den du dir erhoffst.

Übrigens: ein Jugendamt, das Leuten die Kinder wegnimmt aufgrund längst verheilter Narben wäre reichlich unprofessionell! Im Forum gibt es auch Frauen, die teilweise noch als Mütter von SvV betroffen waren/sind, ohne dass ihnen je jemand die Kinder weggenommen hätte.

Liebe Grüße,

Nachteule

_________________
Before each beginning there must be an ending, sitting in the rubble, I can see the stars. This is the unmaking!
(Nichole Nordeman)


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 Betreff des Beitrags: Re: Wenn es schon lange vorbei ist
BeitragVerfasst: Fr 28. Apr 2017, 20:35 
Liebe Paulina,
ich habe heute bei Google eingegeben "Selbstverletzung Forum" und habe nicht damit gerechnet, das zu finden, was ich hoffte zu finden: den Kontakt zu Menschen, die sich schon lange nicht mehr verletzen, die schon eine Weile gelebt haben und die sich trotzdem mit dem Thema auseinander setzen (müssen). Dann hab ich deinen Post gelesen und es hat mich sehr berührt, wie du mit den Folgen deiner Verletzungen kämpfst. Es geht mir auch so, dass ich schon seit Jahren (auch ich weiß nicht mehr genau, seit wie vielen) andere Möglichkeiten gefunden habe, mit meinen Konflikten und Traumata umzugehen. Meistens habe ich keine Skrupel, meine Narben zu zeigen, ich bin mir ihrer aber sehr bewusst, obwohl sie zum Teil schon seit Jahrzehnten da sind. Ich bin erst sehr selten darauf angesprochen worden, vermutlich aus zwei Gründen: zum einen nehmen die meisten Menschen viel weniger von uns wahr, als wir das glauben, meist sind sie mit anderen Dingen beschäftigt und schauen andere eher flüchtig an; zum zweiten wissen die meisten nicht, wie sie uns ansprechen sollen, falls sie Fragen oder Kommentare haben. Ich habe schon gehört "Es erschreckt mich, deine Narben anzugucken, das macht mir Angst" aber auch "ach, du | editiert |?" (saudoofer Kommentar, finde ich).
Je älter ich werde, desto sensibler entscheide ich, wo ich meine nackten Arme zeige. Früher war es mir völlig egal, ich habe wenig darauf geachtet, wem ich die Narben zeige. Heute würde zum Beispiel in einem Vorstellungsgespräch lange Ärmel tragen.
In meinem jetzigen Job (den ich schon seit fast 20 Jahren habe) trage ich kurze Ärmel im Sommer und meine Kollegen scheren sich nicht darum. Bislang hat mich ein einziger angesprochen und das war nur milde unangenehm.
Ich kann verstehen, dass du Angst hast, als verstört verurteilt zu werden; es gibt viele Menschen, die nicht verstehen, was Selbstverletzung bedeutet und auch, was es bedeutet, das nicht mehr zu tun. Das Jugendamt wird sich nicht für deine alten Narben interessieren; selbst wenn irgendjemand nachfragen sollte, wird es sofort offensichtlich sein, dass die Narben alt sind und du nicht akut selbstverletzend bist. Und selbst wenn - ich habe in der Vergangenheit einige Mütter und Väter kennengelernt, die autoaggressiv und gleichzeitig Eltern waren. Wenn es gut läuft, werden sie von einem Amt oder einer Beratungsstelle begleitet und das kann hilfreich sein (wir kennen vermutlich alle das Gefühl, wenn die Emotionen aus dem Ruder laufen, da können die Profis manchmal helfen).
Du bist vermutlich mit deiner Geschichte und mit deinem starken Willen sehr gut geeignet, deinen zukünftigen Kindern eine gute Mutter zu sein, denn du hast dich schließlich aus der Störung herausgearbeitet und hörst dich an wie jemand, die mit beiden Beinen auf der Erde steht.
Wenn du dich dafür entscheidest, Kinder zu haben, kannst du dir eine Hebamme und ein Krankenhaus aussuchen, in dem du gut aufgehoben bist und in dem du offen über deine Narben sprechen kannst und damit deine Ängste bestimmt in den Griff kriegen.
Ich gratuliere dir zu deiner Geschichte und hoffe, dass du dich nicht abhalten lässt von deinen Zukunftsplänen!


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 Betreff des Beitrags: Re: Wenn es schon lange vorbei ist
BeitragVerfasst: So 22. Apr 2018, 16:27 
Hallo Paulina,

vielen Dank, dass du deine Geschichte geteilt hast - es gibt mir grad enorm viel das zu lesen. Bei mir ist die Situation sehr ähnlich: Ich bin ziemlich gesund, aber meinen Armen sieht man meine Vergangenheit an und leider bin ich damit einer massiven Stigmatisierung ausgesetzt (weshalb ich auch in den meisten Kontexten langärmlig unterwegs bin, was ja im Winter zb auch nicht so schlimm ist.. aber im Sommer bei 30 Grad..... )
Momentan überlege ich, eine sehr kostenintensive Narbenentfernung vorzunehmen und hoffe dass die Krankenkasse etwas dazu gibt, auch weil ich glaube dass mein damaliges selbstverletzendes Verhalten Resultat einer Fehlbehandlung war (starke Medikamente).
Ich würde mir mehr Austausch wünschen, denn ich glaube es gibt gar nicht so wenige von uns: die keine Probleme mehr mit SVV haben, aber die sichtbaren Folgen am Körper tragen.. Falls das hier jemand liest, der/die auch in Berlin ansässig ist --> ich bin dabei, eine Selbsthilfegruppe (bei SEKIS) zu genau diesem Thema zu gründen, also bitte und gerne bei Interesse eine Mail an: Narben-svv@gmx.de

:)


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